Good Practice: #AltSuchtNeu – Regionalmuseum Chüechlihus

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Auf einen Blick

  • Name: #AltSuchtNeu - Regionalmuseum Chüechlihus  
  • Was: Dreijähriges partizipatives Projekt zur Schärfung der Museumssammlung 
  • Mitglieder: 3-köpfiges Kernteam, Objektrat mit ausgelosten Bewohnerinnen und Bewohnern, Verwaltung, Politik und Museumsfachleute
  • Ort: Langnau im Emmental
  • Art:Partizipatives Sammlungs- und Kulturprojekt
  • Stärken: Radikale Transparenz, direkte Mitbestimmung der Bevölkerung, mutiger Umgang mit Tradition

Die Sammlung des Regionalmuseums Chüechlihus war über zehn verschiedene Depots im ganzen Dorf verteilt und über hundert Jahre lang gewachsen. Statt die Bestände einfach zu verwalten, hat sich das kleine Museumsteam entschieden, im Rahmen einer Depotzusammenlegung aktiv zu «entsammeln» – und zwar gemeinsam mit der Bevölkerung. So entstand ein dreijähriger, partizipativer Prozess, der weit über die Region hinaus Beachtung fand.

Das Porträt

  • Das Besondere
    Statt hinter verschlossenen Türen zu entscheiden, was aus der Sammlung verschwindet, hat das Museum die Bevölkerung von Anfang an als gleichberechtigte Partnerin ins Boot geholt. Die Haltung dahinter: Das Kulturerbe gehört nicht dem Museum oder der Gemeinde, sondern der ganzen Emmentaler Bevölkerung – also darf sie auch mitentscheiden, was damit geschieht. Diese radikale Transparenz zog sich durch das ganze Projekt, von der offenen Kommunikation bis hin zu schwierigen Fragestellungen. So wurde aus einer eigentlich trockenen Verwaltungsaufgabe – dem Zusammenlegen der Depots – ein Prozess, der die Beziehung zwischen Museum und Bevölkerung nachhaltig verändert hat.
  • Herausforderungen
    Am zeitaufwändigsten war die Kommunikation: Auf allen Ebenen wurde ständig informiert, motiviert und erklärt – gegenüber den Beteiligten, dem Team, den Geldgebern sowie beispielsweise den zuständigen Behörden. Hinzu kam die Ungewissheit über den Ausgang eines partizipativen Prozesses: Ein solcher Ansatz erfordert es, die Kontrolle abzugeben und echte Mitbestimmung zuzulassen, selbst wenn das Ergebnis dadurch offen bleibt. Und nicht zuletzt mussten auch hochsensible Themen wie der Umgang mit scharfer Munition oder menschlichen Überresten sorgfältig und im direkten Dialog mit der Bevölkerung gelöst werden.
  • Arbeitsweise
    Die Arbeit folgte jedes Jahr einem festen Rhythmus aus drei Schritten. In der ersten Phase entschied die Bevölkerung, welche Objekte aus der Sammlung entfernt werden sollten: Zunächst konnte jede:r online die eigene Meinung äussern, woraufhin der Objektrat – bestehend aus zufällig ausgewählten Personen aus der Bevölkerung, ergänzt durch Vertreter:innen aus Politik und Museum – die endgültige Entscheidung traf. In der zweiten Phase konnten sich Interessierte aus aller Welt mit einer Idee für ein «drittes Leben» der Objekte bewerben; die Idee zählte. In der dritten Phase entschieden erneut zuerst die Bevölkerung und danach der Objektrat, welcher Beitrag am überzeugendsten war. Dabei war das Team offen für Feedback und überprüfte nach jeder Runde kritisch, was gut und was weniger gut funktioniert hatte – kleine Anpassungen wurden so kontinuierlich in die nächste Runde einbezogen.
  • Erfolg und Resonanz
    Rund 2500 Objekte wurden partizipativ entsammelt, knapp 2000 davon fanden über Bewerbungen ein neues Zuhause. Das Museum gewann dabei viele neue Multiplikator:innen für das Emmentaler Kulturerbe, überall dort, wo die Objekte heute stehen, wird ihre Geschichte weitererzählt. Besonders wertvoll war das Wissen, das die Bevölkerung im Gegenzug ins Museum einbrachte. Das Projekt hat sich so tief in die DNA des Hauses eingeschrieben, dass es heute als «Werkstatt für das gemeinsame Erbe» weitergeführt wird. Im Nachfolgeprojekt «spychere!» sammelt das Museum gemeinsam mit sogenannten Co-Forschenden aus der Bevölkerung das lokale Wissen des Emmentals – angefangen bei der Frage, was dieses Wissen im Kern ausmacht, bis hin zu seinem konkreten Nutzen für die Region heute. Auch hier gilt: gemeinsam sammeln, gemeinsam auswerten, gemeinsam entscheiden, was daraus wird.
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Alt sucht neu

Inspiration für deinen Verein:

  • Klar definieren, aber offenbleiben: Ein transparenter Rahmen gibt Sicherheit – gleichzeitig muss im Prozess Platz bleiben für Anpassungen, sonst wird Partizipation zur Alibiübung. 
  • Mit den Leuten sprechen, nicht nur zu ihnen: Persönliche Gespräche an Märkten, Ausstellungen oder im direkten Kontakt bauen Skepsis schneller ab als jede Kampagne allein.  
  • Moderation vor Fachwissen: Bei Mitbestimmungsprozessen zählt weniger Fachwissen zu bestimmten Themen, sondern die Fähigkeit, gut zuzuhören und Gespräche zu leiten. Wer solche Prozesse im Vorstand oder OK verantwortet, profitiert vor allem von starken Moderationsskills.
  • Am echten Bedürfnis ansetzen: Mitbestimmung funktioniert am besten, wenn sie an einer Frage hängt, die wirklich drängt – nicht als Selbstzweck. Dann wird Partizipation zur Ressource, die neue Lösungen und spannende Prozesse auslöst. Jeder Verein kennt solche Fragen: Wie sichern wir den Nachwuchs? Wer entscheidet über unser Vereinsarchiv?

Auf den Punkt gebracht

«Partizipation darf keine Alibiübung sein, denn dann funktioniert es nicht. Man muss den Wert erkennen, es ernst nehmen – und im Prozess auch bereit sein, sich anzupassen.»

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